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Montag, 30. Dezember 2019

Und ich weiß dass ich zu Hause bin - Die besten Filme 2019



Das Ende der Dekade bedeutet für mich auch dass Ende meiner ersten, in Ermangelung eines besseren Worts, cinephilen Dekade. Ein hübscher Zufall, dass am Ende dieser Dekade zwei Regisseure ganz oben in meiner Jahresendliste stehen, die für viele einen Einstiegspunkt in die Filmgeschichte darstellen. Viele Worte möchte ich dieses Jahr nicht verlieren, deswegen sei nur einmal Kristen Stewart gedankt, ihretwegen bin ich damals, in der Mitte der Dekade, in Die Wolken von Sils Maria gegangen, Assayas hat mich dann zu Michael Mann, Hou Hsiao-Hsien, Jia Zhangke, Jean Renoir gebracht und dann war das Kind auch schon in den Brunnen gefallen.

10 The Mule – Clint Eastwood
Der Maestro nur auf Platz 10, könnte aber genauso gut in den Top 3 landen, weil er Eastwoods Spätwerk und seine Idee von einer Art mitfühlenden Konservatismus um eine neue Facette bereichert. Im Prinzip ist The Mule ein Film über Beleidigungen und den persönlichen respektive gesellschaftlichen Umgang mit ihnen. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass für die letzten Filme von Clint Eastwood das gleiche gilt wie für das Spätwerk von Terrence Malick: Die Argumente sind ausgetauscht und beide Fraktionen haben eine gegen Null tendierende Chance, die jeweils anderen von ihrer Begeisterung respektve ihrem Missfallen zu überzeugen.

9 Zwischen den Zeilen – Olivier Assayas
Leider habe ich WASP Network noch nicht gesehen, aber mir scheint es so als ob Assayas nach seiner Kristen-Stewart-Phase etwas an Ansehen verloren hat, was Zwischen den Zeilen nun wirklich nicht verdient hat, ist er doch der böseste Film den Assayas seit Jahre gemacht hat, im Prinzip eine Art doppelbödiger Umsetzung der aus Houellebecq-Romanen bekannten Idee eines verschwindenden Bürgertums, welches sich seiner eigenen Auflösung nicht bewusst ist und immer noch darum kämpft, eine Fassada aufrecht zu erhalten, obwohl das Haus dahinter schon längst nur noch als digitaler Ort existiert. Ein Film über veraltete Menschen, kein veralteter Film.

8 Hanne – Dominik Graf
Apropos Auflösungen: Hanne von Dominik Graf ist auch ein Film über (Nicht-) Auflösungen, genau wie sein anderer diesjähriger Film, Die Lüge, die wir Zukunft nennen, befindet sich Hanne bis zum zwiespältigen Finale in einem Schwebezustand, nicht nur aufgrund der unklaren Krankheitssituation von Iris Berbens Hanne, sondern auch wegen seiner formalen und narrativen Fließbewegungen. Und außerdem: Hanne kommt meiner Idealvorstellung eines deutschen Films mit einem Auge für regionale Besonderheiten schon recht nahe, eine wahre Wohltat nach den Dekaden der ewigen Berlin-Zentriertheit des Neuen Deutschen Hipsterfilms (looking at you, Victoria und Oh Boy).

7 Instant Family – Sean Anders
Wenn Mark Wahlberg genau darüber im Bilde ist, was Regie und Film von ihm verlangen, gibt es kaum einen amerikanischen Schauspieler, dem ich lieber zusehe. Sean Anders wird oft zu Unrecht belächelt (von einem Filmkritikerpublikum, dass die komischen Elemente in Arthouse-Filmen über-, in Mainstreamkomödien untertreibt), sind besonders That's My Boy und eben jener Instant Family faszinierende Auseinandersetzungen mit den Grenzen der Konzeption der amerikanischen Kernfamilie, aber wesentlich weniger didaktisch als vielmehr neugierig und von einer ergebnisoffenen Ambivalenz.

6 Neue Götter in der Maxvorstadt – Klaus Lemke
Lemkes patentierte Mischung aus Ranzigkeit, Fabulierfreude und Selbstbewusstsein kann man kaum in Worte fassen. Muss man auch nicht, als der Darsteller des Bösewichts verschwindet, erzählt Lemke ja kurzerhand selbst davon.

5 Ash Is Purest White – Jia Zhangke
Wie jeden seiner Filme sollte man Ash Is Purest White (der deutsche Titel Asche ist reines Weiß missfällt mir) wahrscheinlich am Besten Dutzende Male sehen um den ganzen Reichtum der Idee einer Art rückblickenden chinesischen Kinogeschichtsschreibung hundertprozentig nachvollziehen zu können, aber auch beim ersten Mal sehen erschlägt einen Ash Is Purest White förmlich mit seiner stilistischen Sicherheit, Zhao Taos wie üblich brillianter Performance (es erscheint nicht vermessen, die Partnerschaft zwischen den beiden als die fruchtbarste Regie/Schauspiel-Paarung der Dekade zu bezeichnen) und seiner tiefen Zerrissenheit hinsichtlich einer Idee von Heimat, dem Werk Jia Zhangkes und dem eigenen Platz im China der Gegenwart.

4 A Home With A View – Herman Yau
Kaum jemand hat Home With A View gesehen, was außerordentlich bedauerlich ist, schließlich ist Herman Yaus komödiantische Auseinandersetzung mit den Wirrungen einer finanziell schlecht gestellten Familie im turbokapitalistschen Gegenwarts-Hongkong nicht weniger als der politisch wahrscheinlich klarsichtigste und aufregendste Film des Jahres. Anders als der etwas arg gehypte Parasite ist Herman Yaus Film nicht daran interessiert, eine simplifizierte Idee von Klassengrenzen in einer Versuchsanordnung durchzuexerzieren, er wirft vielmehr grundsätzlich die Frage auf, was passiert, wenn den Menschen der (symbolisch extrem aufgeladene) Blick auf den Horizont genommen wird. Eine weitere Empfehlung sei hier gestattet: Yaus Film An Inspector Calls von 2015 hat ähnlich viel Spaß am Ausprobieren von formaler Grandezza und steht A Home With A View in Sachen sozialer Scharfsinnigkeit in Nichts nach.

3 Giraffe – Anna Sofie Hartmann
Vermutlich der europäischste Film der Liste, dreht sich Giraffe um die Erlebnisse einer Ethnologin und eines polnischen Gastarbeiters, die sich durch einen zufälligen gemeinsamen Beschäftigungsort kennen und lieben lernen. Dieser Beschäftigungsort ist die dänische Seite beim Bau der Fehmarnbeltquerung, sie versucht in leerstehenden Häusern Antworten auf Fragen nach Heimat, Veränderung, Generationenwechsel zu finden, er versucht Geld beiseite zu legen und seine eigentliche Heimat Polen nicht zu vergessen. Die Implikationen der Konstellation scheinen eindeutig: Globalisierung führt zu Entwurzelung etc., aber Hartmann ist eine viel zu kluge Filmemacherin um sich auf derart simple Antworten einzulassen. Dokumentarische Bilder und Interviews wechseln sich ab mit extrem stilisierten und wahnsinnig toll konstruierten Aufnahmen des Paares, denn genau wie das Paar befindet sich der Film immer auf der Suche nach Gemeinschaftlichkeit und kommt am Ende zu keinem Schluss, sondern traut es sich zu, keine Antworten geben zu müssen.

2 The Irishman – Martin Scorsese
Ich gehöre zu den verhältnismäßig wenigen glücklichen Menschen, denen es vergönnt war, den neuen Scorsese gleich zweimal im Kino zu sehen und bei aller persönlichen Geschmacksentwicklung in den letzten Jahren wurde mir bewusst, wie wichtig mir Scorsese und DeNiro als Filmschaffende sind. The Irishman ist ein faszinierender Schlussstrich, der wie jeder gute Schlussstrich eigentlich ein Anfang ist. Wie jeder der besten Scorsese-Filme (Silence, Goodfellas, Wie ein wilder Stier, The King of Comedy, die Liste ist lang) hat The Irishman unzählige Themen und mögliche Ansatzpunkte für eine Analyse, bei allem intellektuellen Spaß, den man mit The Irishman haben kann (und den ich auch hatte), bleibt am Ende Anna Paquins Frage, warum ihr Vater sich noch nicht bei der mutmaßlich frisch verwitweten Mrs. Hoffa gemeldet hat.

1 Once Upon A Time In Hollywood – Quentin Tarantino
Ich finde, dass es wenig Filme gibt, die sich wirklich mit Männerfreundschaften im eigentlichen Sinne beschäftigen, also nicht mit "Bromances" oder Rivalitäten, sondern mit zwei Männern, die miteinander befreundet sind, ohne dass eine wie auch immer geartete Folie des "Toxischen" über die Beziehung der beiden gelegt werden muss. Tarantino ist dies in einer für mich sehr berührenden Art und Weise gelungen, Cliff Booth und Rick Dalton gehören mit all ihren Fehlern und Großzügigkeiten zu den besten und interessantesten Filmfiguren des Jahres und auch die einzig wirklich kontroverse Szene des Films (das große Finale – die Bruce-Lee-Sequenz als gezielte Provokation, die zudem im Laufe des Films auch noch relativiert wird mag ich nicht als kontrovers bezeichnen) finde ich in ihrer Deutungsoffenheit mindestens faszinierend. Margot Robbie etabliert sich mit ihrer Sharon Tate endgültig als Filmstar und Tarantino war für mich nie interessanter, als wenn Brad Pitt und Leonardo DiCaprio zusammen ein Bierchen zischen und sich gemeinsam eine Episode der FBI-Serie ansehen.

P.S.
10 Filme der Dekade:
Don't Go Breaking My Heart – Johnnie To
Vamps – Amy Heckerling
The Week Of – Robert Smigel
Detective Dee and the Four Heavenly Kings – Tsui Hark
Transit – Christian Petzold
The Assassin – Hou Hsiao-Hsien
Alles Was Kommt – Mia Hansen-Love
4:44 Last Day On Earth – Abel Ferrara
Right Now, Wrong Then – Hong Sang-Soo
Die geliebten Schwestern – Dominik Graf

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